Interview

Interview mit Karin Schäfer aus dem Jahr 2008


1. Seit wann arbeiten Sie mit Puppen und Figuren?


Ich bin 1987 nach Barcelona in Spanien gezogen, um dort eine Ausbildung am „Institut del Teatre“ zu machen. Dort studierte ich Figurentheater im Allgemeinen und Marionettentheater als Spezialfach. Schon während des Studiums arbeitete ich mit Studienkollegen und fertigen Absolventen zusammen, später mit professionellen Puppenspielern. 1989 bin ich erstmals auf einer „echten“ Bühne gestanden, in einem kleinen verrauchten Jazzclub in der Altstadt von Barcelona um 1h früh, und habe eine Ella-Fizzgerald-Marionette geführt – in einem Marionetten-Jazzkonzert. Dass ich irgendwann einmal mit einem meiner Stücke auch im großen Saal des Wiener Konzerthauses auftreten werde, habe ich damals natürlich noch nicht geahnt.


2. Was hat Sie dazu bewogen Figurentheater zu studieren?


Auf einer Reise nach Venedig, wo ich von den typischen venezianischen Karnevalsmasken fasziniert war, und sogar in so einer Maskenwerkstatt kurz mitarbeiten durfte, hörte ich von dieser Ausbildungsmöglichkeit in Spanien. Mich hat die Idee fasziniert, dass man im Figurentheater so viele verschiedene Dinge, die mich interessieren, kombinieren kann: Theater, Handwerk, Literatur, Kunst und vieles andere. Ich fuhr mit einer Freundin per Interrail auf Urlaub nach Spanien und als ich dort das Institut besichtigen durfte und die Werkstätten sah, in denen so tolle Figuren gebaut wurden, und in denen hunderte von Marionetten an den Wänden hingen, die mein späterer „Meister“ Harry V. Tozer, der Leiter des Marionettenlehrganges (er war damals schon weit über 80 Jahre alt) gebaut hatte, da war es um mich geschehen...


3. Wie viele Handpuppen besitzen Sie?


In meinen Stücken verwende ich alle möglichen verschiedenen Figuren und Techniken: Marionetten, Stabfiguren, Klappmaulfiguren, Tischfiguren, etc. Richtige Handpuppen habe ich erst ein einziges Mal eingesetzt, und zwar im Stück „Rose Dorn“ – dort hat eine Puppe (eine stabgeführte Tischfigur) selbst Puppentheater gespielt – und zwar mit klassischen Kasperlfiguren.


4. Haben Sie versucht eine Figur selbst herzustellen?


Alle meine Figuren habe ich selbst gebaut, bisher an die 100 Stück. Nur die oben erwähnten Handpuppen, die habe ich in einem ganz normalen Spielzeuggeschäft gekauft – das war die bisher einzige Ausnahme!


5. Wie wirken die Figuren besonders lebendig? Kennen Sie Tipps und Tricks fürs Spielen?


Die Figuren werden dann lebendig, wenn man den Spieler oder die Spielerin dahinter nicht mehr bemerkt, obwohl er oder sie gar nicht verdeckt ist. Um das zu erreichen, braucht man eine gute Stimme, vor allem aber ist eine sehr präzise Führung der Figur notwendig. Sie sollte sich möglichst „menschenähnlich“ (bzw. wenn sie ein Tier darstellt, „tierähnlich“) bewegen. Dazu ist es vor allem nötig, Menschen und Tiere gut zu beobachten. Was sind die typischen Bewegungen? Wie bewegt er/sie/es den Kopf, die Hand, die Beine, den Körper? Da die Augen meist nicht beweglich sind, ist es sehr wichtig, den Kopf deutlich zu führen. Dort wo man normalerweise hinschauen würde, dorthin muss eine Puppe deutlich den Kopf drehen. Spricht die Puppe mit jemandem – mit einer anderen Puppe, dem Puppenspieler oder einem Zuseher, so muss sie sich diesem anderen deutlich zuwenden, ihn/sie/es „ansehen“. Alle Bewegungen sollten deutlich, aber nicht übertrieben sein. Der größte Fehler, den Anfänger normalerweise machen, ist, die Puppen „zappeln“ zu lassen – die Beine, oder die Arme, oft wird die ganze Puppe „geschüttelt“ weil sie „sprechen“ soll – das wirkt dann unecht. Besser ist ein langsames Bewegen des Kopfes, wie es auch ein bedächtig aber deutlich sprechender Mensch machen würde. Es gibt noch tausend andere Tricks, die ich in meinen Seminaren zeige, oder die man sich bei guten Figurentheatern „abschauen“ kann.


6. Wo haben Sie ihre Ausbildung gemacht und wie lange hat sie gedauert?


Wie gesagt, in Barcelona, die Schule selbst hat 3 Jahre gedauert, im Anschluss war ich noch weitere 4 Jahre dort, meine „Lehrjahre“ in denen ich bei guten Puppenspielern gearbeitet habe und viel von ihnen gelernt habe. Aber in diesem Bereich lernt man nie aus: man sollte sich ständig weiter bilden, Regiekurse, vor allem aber Stimmbildung machen, und selbst ein regelmäßiges Körpertraining ist wichtig, denn, auch wenn man es nicht glaubt, die eigene Bewegungsfähigkeit ist wichtig, um Figuren präzise zu führen.


7. Kennen sie weitere FigurentheaterspielerInnen?


Ja natürlich, ich kenne sehr viele Figurentheatermacher auf der ganzen Welt durch die Festivals zu denen ich mit meinem Theater immer wieder eingeladen werde. Puppentheater bzw. Figurentheater gibt es auf der ganzen Welt, in den unterschiedlichsten Formen: vom indonesischen Schattentheater über balinesische Stabfiguren, afrikanischen Masken und chinesischen Handpuppen bis hin zum modernen europäischen Figurentheater. Auf Festivals kann man diese unterschiedlichen Ansätze alle kennen lernen, sich mit anderen Theaterschaffenden austauschen, Anregungen holen und sicherlich auch anderen Inspirationen geben.


8. Für wie wichtig halten sie den Einsatz von Puppen und Figuren in pädagogischen Berufen?


Das halte ich für äußerst wichtig, denn Puppen und Figuren können ganz wunderbar Kontakt zu den Kindern herstellen, selbst zu Kindern, die auf andere Weise schwer zugänglich sind, also auch zu verhaltensaufälligen oder körperlich und geistig eingeschränkten Kindern. Die Kinder vergessen oft komplett auf den Menschen hinter der Puppe und schöpfen Vertrauen zu der Figur, die oft eine magische Anziehungskraft ausüben kann. Auf diese Art können auch Themen und Inhalte angesprochen werden, die auf andere Art nur schwer mit den Kindern behandelt werden können. Auch versteckte Konflikte, Probleme und Ängst können mit Hilfe von Figuren viel besser aufgedeckt und behandelt werden. Allerdings sollte man das ein wenig gelernt und geübt haben, und ich denke, es ist sehr wichtig, einschlägige Kurse und Praktika in der KindergärtnerInnenausbildung anzubieten.


Die Fragen stellte Eva Potzmann für ihre Facharbeit an der BAKIP Oberwart, 2008


Hier gibt es noch ein weiteres Interview mit Karin Schäfer aus dem Jahr 2009 >>>

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Last update: 02. Mai 2012 | für den Inhalt verantwortlich: Peter Hauptmann | impressum & disclaimer